Buschreiter.de aktuell: Goldmedaillen
Nervenkrieg bis zum Samstag
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Der Nervenkrieg um die drohende Aberkennung der Vielseitigkeits-Goldmedaillen in Athen geht bis zum Samstag weiter: Erst dann will der CAS, das oberste Sportgericht des IOC, um 17 Uhr MEZ (18 Uhr Ortszeit) eine Entscheidung bekanntgeben.

Am Freitag hatten die FNs Frankreichs, Englands und der USA das Gericht angerufen, um zu erreichen, dass den deutschen Eventern die olympischen Medaillen aberkannt werden, damit ihre Sportler in den Medaillenrängen aufrücken können. Anlass ist wie bereits aktuell berichtet ein Vorfall beim Mannschaftsspringen am Mittwoch: Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo war angeläutet worden und hatte dann die Startlinie durchritten, um auf eine Volte abzuwenden und dann innerhalb der 45-Sekunden-Frist ihren Parcours zu beginnen. Nach dem ersten Passieren der Startlinie sprang die Stadionuhr aber nicht auf Null und zeigte auch nicht die laufende Zeit des Ritts an die Reiterin musste davon ausgehen, dass sie ihre Vorbereitungszeit erst noch voll ausschöpfen kann. Christoph Hess, Vorsitzender der Ground Jury, hinterher: "Ich bin fürchterlich erschrocken, als Bettina rechtsherum geritten ist." Die Richter erklärten den Ritt zunächst als fehlerfrei und in der Zeit, kontrollierten dann aber Videoaufzeichnung und ein Protokoll der Zeitnahme, um ihre vorher gefällte Tatsachenentscheidung zu korrigieren. Sie belasteten das Zeitkonto Bettina Hoys mit 12 Strafsekunden und korrigierten die Ergebnisliste: Platz 4 für die Mannschaft, Platz 8 für Bettina Hoy vor dem Einzelspringen nix mit Goldmedaillen. Zur Erklärung: Nicht ein Richter, sondern ein Techniker der Zeitnahme hatte es versäumt, die Uhr richtig zu bedienen. Gegen die Aberkennung der Mannschaftsmedaille legte die deutsche Equipe Widerspruch ein. Dr. Jens Adolphsen, Ex-Justitiar der FN und inzwischen Professor für Sportrecht an der Uni Halle, blieben ganze 30 Minuten, um den Widerspruch schriftlich zu formulieren. Tenor: Die Sportlerin darf nicht für ein Versehen der Wettkampfrichter bestraft werden, zumal sie keinen Vorteil aus ihrem Verhalten hatte.
Das FEI-Schiedsgericht hob während des laufenden Einzelspringens die Aberkennung der Mannschafts-Goldmedaille auf. Der griechische Präsident des FEI-Schiedsgerichtes Freddy Serpieri erklärte, dass das Gremium nach einstündiger Beratung zu dem Schluss gekommen sei: Ein Neustart der Zeitmessung hätte eine eindeutige Ungerechtigkeit zu Lasten der Reiterin bedeutet. Deshalb hat das Schiedsgericht die Zeitstrafe wieder gestrichen. "Diese Entscheidung war durch Fairplay getragen. Deshalb nützt sie dem Sport." Schiedsgerichtsmitglied Hugh Thomas betonte, dass alle Richter übereingestimmt hätten: Der Vorfall sei durch einen Irrtum der Turnierleitung herbeigeführt worden. Deshalb müsse dafür Sorge getragen werden, dass nicht der Reiter die Konsequenzen tragen muss. "Bettina Hoy hatte allen Grund zu glauben, dass die Uhr erst gedrückt wird, wenn sie zum zweiten Mal die Startlinie überquert. Bettina Hoy konnte als Vorletzte in den Springparcours einreiten mit bekanntem Ausgang: Sie behielt die Nerven und gewann auch die Einzelgoldmedaille. Die Franzosen kündigten noch am Abend an, dass sie vor dem CAS gegen die Entscheidung des FEI-Schiedsgerichtes vorgehen werden. Begründung: Das FEI-Gremium hätte die "Tatsachenentscheidung" der Ground Jury nicht aufheben dürfen. Bei der Medaillenverleihung am Mittwoch kam es dann zu der äußerst unangenehmen Situation: Die Franzosen verweigerten den deutschen Sportlern den Glückwunsch-Handschlag und ließen die fünf Reiter wortlos stehen. Am Freitag schließlich traten sie mit Unterstützung der Engländer und der Amerikaner vor das IOC-Gericht, um die Aberkennung der Goldmedaillen durchzufechten. Am Nachmittag fand dann in einem Athener Hotel eine zweistündige Anhörung statt, an der auch Bettina Hoy teilnahm. Dann vertagte das CAS den Fall auf den Samstag um 17 Uhr MEZ. Unklar war gestern, ob das Gericht die Beschwerde der "Alliierten" überhaupt akzeptiert hat. Nach Agenturberichten hätten die drei IOC-Richter sich lediglich die Argumente angehört. Das CAS ändert gewöhnlich technische Entscheidungen der Fach-Schiedsgerichte nicht ab.
Aus Athen ist zu hören, dass sich angeblich William Fox-Pitt und Pippa Funnell von dem Rechtsstreit distanziert haben sollen und dazu geraten haben sollen, es bei der Medaillenvergabe zu belassen. In deutschen Vielseitigkeits-Kreisen hat die Affäre große Betroffenheit und Ratlosigkeit ausgelöst: Viele Fans empfinden das Verhalten der Franzosen ausgesprochen unsportlich. Niemand kann ein ernsthaftes Verschulden der Reiterin, geschweige denn einen irregulären sportlichen Vorteil für sie erkennen. Spätestens nach der FEI-Schiedsgerichtsentscheidung hätten die Franzosen Ruhe geben müssen, meinen viele. Eine hat trotzig den Fall schon für sich entschieden: "Ich werde die Goldmedaille auf jeden Fall behalten, sie reist mit dem Pferd zusammen zurück nach Deutschland", sagte Ingrid Klimke. Wie auch immer das IOC entscheidet: Sollte jemand anders als Bettina Hoy, Ingrid Klimke, Andreas Dibowski, Hinrich Romeike und Frank Ostholt die Goldmedaillen tragen, so wird ihnen immer der Makel dieses bizarren Rechtsstreits anhaften.
Sportlich haben in Athen die deutschen Buschreiter Gold gewonnen: durch eine bestechend gute Dressurleistung, einen fünffachen Auftritt im Cross, der Bilder für Lehrbücher und -videos liefert, und durch nervenstarke und technisch ausgezeichnete Ritte im Parcours. Diese Leistung kann ihnen kein Gericht der Welt allen Ernstes absprechen oder aberkennen.
© Verlag Nahr, D-93047 Regensburg/Germany, Weintingergasse 4
Werben in buschreiter.de?E-Mail
verlag-nahr@buschreiter.de