Buschreiter-Olympia-Kommentar
Neue Eventing-Kultur trägt Früchte
VON WOLF-DIETRICH NAHR
Jetzt kann man es ja laut sagen: So ganz überraschend kam der Medaillenerfolg für die deutschen Vielseitigkeitsreiter nicht. Der Autor jedenfalls hat schon am Sonntag vor der Dressur vorhergesagt, dass die Eventer mit einer Einzelmedaille und einer Mannschaftsmedaille die Heimreise antreten werden um von seinem durchaus fachkundigen Gesprächspartner schallendes Gelächter zu ernten. Wunderschön, doch recht behalten zu haben.
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Die beiden Medaillen sind wirklich kein Zufall. Sydney 2000 mit den unschönen Querelen im Hintergrund der Mannschaft war die Zäsur. Was folgte, war nicht nur ein radikaler Schnitt auf der Funktionärsebene. Auch eine neue Eventing-Kultur sollte einziehen in den deutschen Vielseitigkeitssport. Das hatten sich die neuen Bundestrainer Hans Melzer und der britische "Legionär" Christopher Bartle gemeinsam mit dem neuen DOKR-Vielseitigkeits-Ausschuss-Vorsitzenden Dr. Jens Adolphsen vorgenommen. Doch es hat vier Jahre gedauert, bis die Neuausrichtung des Sports auf Championatsebene Früchte getragen hat.
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Doppelgold in Athen lässt sich auf ein ganzes Bündel von Faktoren zurückführen. Der Teamgeist: Den früheren Eifersüchteleien unter anderem um die Gunst des Bundestrainers ist ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl gewichen, das der Olympiakader in Griechenland in eine tolle Mannschaftsleistung ummünzen konnte. Die Trainerrolle: Melzer und Bartle verstehen sich mehr als Manager, Berater und Motivatoren der Aktiven, verzichten auf Bevormundung und Gängelung. Und die Coaches sind präsent, auch bei kleineren internationalen Turnieren, wo selbst Eventer aus der zweiten und dritten Reihe von der Unterstützung des Trainergespanns profitieren.
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Die Sichtungen: Anstelle eines starren Weges zum Championat entwickeln die Betreuer individuelle Qualifikationsstufen und gehen so nebenbei auch auf die Auslandsaufenthalte der Topreiter adäquat ein. Dies war auch ein wichtiger Baustein des Medaillenerfolges: Zwei der fünf Goldreiter schwimmen im britischen Eventing-Wasser wie die Fische. Die beiden Schlüsselturniere auf dem Weg nach Athen in Luhmühlen und in Bonn waren erwiesenermaßen so konzipiert, dass Pferde und Reiter nicht entmutigt, überfordert oder gar wegselektiert wurden. Ganz im Gegenteil: Das Ergebnis beweist, dass beide Events dazu beigetragen haben, die Olympiapferde für das Championat in eine optimale Form zu bringen. Die Veterinärbetreuung: Reiter und Trainer sind sehr viel besser über den Gesundheitszustand der vierbeinigen Hochleistungssportler informiert. Die Auswahl der Olympioniken war diesmal kaum durch das leidige Thema Pferdegesundheit belastet, weil alle ausgewählten Top-Vierbeiner offenbar kerngesund angetreten sind.
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Die Nachwuchsförderung: Mit Frank Ostholt hat einer aus der FN-gestützten Perspektivgruppe bei seinem zweiten Seniorenchampionat gleich den Sprung nach ganz vorne geschafft. Vielleicht folgen irgendwann weitere. Die Professionalisierung: Vier der fünf Goldmedaillengewinner sind Berufsreiter, die mit der Vielseitigkeit ihr Geld verdienen. Die Profis der britischen Szene setzen hier die Maßstäbe.
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Ganz abgesehen von dem Segen für die einzelnen Medaillengewinner gibt es ein gewagtes Szenario über die Wirkung des olympischen Erfolges: Die Vielseitigkeit wird in den nächsten Jahren aus dem Schatten der Randsportart heraustreten und die FN wird erkennen, dass sie die Buschreiterei auch mit entsprechender Förderung besser unterstützen muss. Junge Reiter setzen sich die Melone nicht schon mit acht Jahren auf den Kopf, um Dressurreiter zu werden. Die Goldmedaillengewinner stellen Idole dar, denen Nachwuchsreiter nacheifern: Es wird schick, gut Dressur zu reiten, ordentlich zu springen und beherzt ins Cross zu starten. Der Sport gewinnt an öffentlichem Ansehen und zieht solvente Sponsoren an, die die attraktiven Seiten des Vielseitigkeitssportes auch als Werbeträger schätzen lernen. Kurz: Aus einer breiten Basis wachsen neue Talente, die Deutschland dauerhaft in den Kreis der besten Vielseitigkeitsnationen zurückführen. Auch so eine Vorhersage. Es wäre wunderschön, wenn das eine oder andere Realität würde.
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