Buschreiter.de — aktuell: Olympische Spiele Athen

Weltklasse-Leistung

mit Doppelgold belohnt

VON WOLF-DIETRICH NAHR (Text und Fotos)

Traum und Alptraum: Nach einer Leistung des fünfköpfigen Teams von Weltklasse-Format hat Bettina Hoy das Mannschafts-Gold mit der Goldmedaille in der Einzelwertung der olympischen Vielseitigkeit gekrönt. Der historische Doppelerfolg der deutschen Buschreiter ist zwischen den Tagen aber weiter mit einem Fragezeichen versehen: Die Konkurrenz gibt keine Ruhe und will offenbar gegen die rückgängig gemachte Abererkennung der Goldmedaille zugunsten der Deutschen beim obersten IOC-Sportgericht vorgehen.

Das wurde am späten gestrigen Abend bekannt, während sich das Goldteam bei Johannes B. Kerner im ZDF einem Millionenpublikum stellte. Und diese Situation war der Auslöser für die Kontroverse um die Vergabe des Busch-Edelmetalls: Bettina Hoy war im Springen für die Mannschaftswertung mit Ringwood Cockatoo ins Stadion eingeritten und wurde von den Richtern angeläutet. Beim Reiten einer letzten Volte vor dem Start in den Olaf-Petersen-Parcours überquerte das Paar offensichtlich zwar die Startlinie, aber die Jury wertete dies zunächst nicht als erfolgten Start, weil die Uhr an der Anzeigetafel erst in Gang gesetzt wurde, als Reiterin und Pferd die Linie zum eigentlichen Start nochmals passiert hatte. Nach dem Nullfehlerritt in der Zeit geschah zunächst für etwa zehn Minuten gar nichts — bis das französische Team, durch den sauberen Ritt Bettina Hoys um Gold gebracht, Protest gegen die Wertung einlegte. Der Einspruch hatte Erfolg: Die Ground Jury unter Vorsitz des deutschen Offiziellen Christoph Hess brummte Bettina Hoy zwölf Zeitfehler auf, was nicht nur zur Aberkennung der Goldmedaille führte, sondern Bettina Hoy, bis dahin in der Einzelwertung auf Platz 2, für eine Individualmedaille in eine aussichtslose Position brachte. Die deutschen Fans auf den Rängen, Reiter, Trainer und Betreuer wurden in ein unbeschreibliches Wechselbad der Gefühle geworfen: Erst Jubel und grenzenlose Begeisterung über den Erfolg, in der nächsten Sekunde der Schock über die unglaubliche Zurücksetzung. Dem Team um Bundestrainer Hans Melzer und dem DOKR-Vielseitigkeits-Ausschuss-Vorsitzenden Dr. Jens Adolphsen blieb nur eine halbe Stunde, um schriftlich Widerspruch gegen den unsportlichen Medaillen-Klau einzulegen — mit Erfolg. Adolphsen, ehemaliger Justitiar der FN und inzwischen Professor für Sportrecht an der Universität Halle, muss die Berufung so hieb- und stichfest formuliert haben, dass das Schiedsgericht unter dem Druck der Argumente die Aberkennung wieder zurücknahm. Angesichts mehrerer Fehler der Richter beim Start Bettina Hoys bezeichnete Adolphsen diese Revision als "sehr sportliche und sehr faire Entscheidung". Bundestrainer Hans Melzer brachte es am Abend auf den Punkt: Die Reiterin hatte sich durch ihr Verhalten keinerlei sportlichen Vorteil verschafft, niemand müsse sich ausgetrickst fühlen. Doch das sieht die erfolgsgewohnte Konkurrenz offenbar anders: Die Franzosen wollen ihren Einspruch — mit Unterstützung der Briten und der Amerikaner — offenbar beim IOC-Sportgericht durchfechten. Der deutschen Mannschaft und auch Bettina Hoy droht damit weiter der Entzug der Goldmedaillen. Dabei haben sie den obersten Treppchenplatz bei Olympia nicht durch Zufall oder Reglement-Spitzfindigkeiten, sondern durch eine bestechende Mannschaftsleistung an den vier Wettkampftagen erritten. Für die deutschen Vielseitigkeitsreiter ist es nichts ungewöhnliches, bei der ersten Teilprüfung Dressur auf dem Viereck zu brillieren. Andreas Dibowski/Little Lemon B (18.), Hinrich Romeike/Marius (14.), Frank Ostholt (9.) und Ingrid Klimke/Sleep Late (8.) schufen gemeinsam mit Bettina Hoy und Ringwood Cockatoo (3.) eine hervorragende Ausgangsposition für Cross und Springen. Letztere sahen nur Europameister Nicolas Touzaint mit dem Bewegungskünstler Galan de Sauvagere und Pippa Funnell/Primmore's Pride — wieder einmal von der britischen Richterin Angela Tucker hochgepunktet — an sich vorbeiziehen. Manche Fans hatten vielleicht mit einer übervorsichtigen Mannschafts-Order für den Geländetag gerechnet — und sahen sich angenehm überrascht. "Wir wollten auf Angriff reiten und das haben wir auch getan", verkündete Dr. Jens Adolphsen nach der Geländeteilprüfung, vor dem Stadion des Markopoulo Olympic Equestrian Centre im Bad der vielen hundert Fans mit schwarz-rot-goldenen Fahnen genüsslich an einer Sieger-Zigarre ziehend. Die Schlachtenbummler, darunter die Fanclubs der Reiter, gaben dem Team einen ungeahnten Schub. Eine letzte Blitz-Abordnung war am Morgen des Geländetages kurz vor zwei Uhr 220 Personen stark mit einer eigens gecharterten Maschine von Hannover-Langenhagen nach Athen geflogen, um die deutschen Eventer lautstart anzufeuern. Die Bundesliga lässt grüßen: Fahnen, La-Ola-Wellen, Fangesänge, brausender Applaus, ohrenbetäubender Rassel-Lärm, Anfeuerungsrufe an jedem Hindernis — all das hat die fünf Reiter und Pferde zu einer tollen Leistung beflügelt. Die Taktik volle Attacke im Cross ging auf: Bettina Hoy setzte mit Ringwood Cockatoo auf der 5570 Meter langen Geländestrecke mit einem schnellen, routinierten Ritt immer auf direktem Weg die Maßstäbe. Die 3.6 Zeitfehler im Ziel sollten nicht ins Gewicht fallen. Die sichere Runde gab den folgenden Mannschaftskollegen die Sicherheit: Hinrich Romeike ritt Marius mit 0.8 Zeitfehlern im Weltklasse-Stil fast in die Zeit. Frank Ostholt war mit Air Jordan nur zwei Sekunden langsamer und Andreas Dibowski reihte sich mit der gleichen Zeit wie Bettina Hoys Ringwood Cockatoo in die tolle Teamleistung des Crosstages ein. Den Ritt ihres Lebens vollführte Ingrid Klimke, deren Sleep Late zwischen zwei Erholungssprüngen am Wendepunkt des Cross in der kargen Landschaft von Markopoulo in einer Linkswendung hinten wegrutschte. Der Vorfall war charakteristisch für die Bodenverhältnisse: Die Athener hatten sich gegenüber dem Vorjahr große Mühe gegeben, das ursprünglich sehr harte Geläuf mit einer top gepflegten Grasnarbe im Stil eines Golfplatzes zu optimieren. Ähnlich wie in Jerez erwies sich der Kunst-Rasen trotz aller Bemühungen als relativ rutschig. Sleep Late verlor kurz seine Pilotin, die glücklicherweise auf den Füßen landete. Ingrid Klimke war genauso schnell wieder im Sattel, wie sie ihn verlassen hatte: "Ich habe nur gedacht, dass ich einen Schutzengel, und danach nur noch Vollgas gegeben." Entgegen falschen Platzansagen wirkte sich der Ausrutscher nämlich nicht auf das Ergebnis aus, weil er nicht im Zusammenhang mit einem Hindernis passiert war. Klimke und der Schimmel flogen regelrecht ins Ziel, spielten mit dem Vier-Sterne-Kurs. Bei 9 Minuten und 27 Sekunden stoppte die Uhr, trotz des Sturzes auf freier Strecke. An diesem Tag war kein Pferd schneller. Platz 6 und 41 Punkte nach dem Cross standen auf dem Kontoauszug des Paares. Aber ein Happyend gab es für die Tochter des sechsfachen Golodmedaillengewinners Rainer Klimke dennoch nicht: Sleep Late verletzte sich auf dem Abreiteplatz vor dem Springen und erschien nicht mehr in der Arena. Immerhin war die Blessur nicht so schwer, dass der Schimmel nach der Siegerehrung seine Ehrenrunde drehen konnte. Nach dem Gelände waren alle fünf Paare der deutschen Mannschaft unter den Top 21 — keiner schlechter als 50 Punkte. Eine denkbar günstige Ausgangsposition für das abschließende Springen. Unter dem Strich hat sich die Revison des olympischen Formates in Athen bewährt: Durch den Wegfall der Rennbahn ist die Belastung der Vierbeiner erheblich reduziert worden — obwohl eine lange Prüfung dort kein Problem gewesen wäre, weil die Griechen gleich nebenan eine nagelneue Turf-Rennbahn in die Landschaft gestellt haben. Das Cross erwies sich durchaus als selektiv. Manche Experten stuften den Kurs als vergleichsweise nicht überaus schwierig ein, andere bezeichneten ihn als reelles Vier-Sterne-Cross. Dies gilt vor allem für die Anforderungen an das Springvermögen der Pferde. Dafür beschränkten sich die technischen Anforderungen hauptsächlich auf schmale Hinderniselemente. Gebogene Linien waren eher die Ausnahme. 14 Paare blieben in der Zeit. Allerdings gab es auffällig viele Reiterstürze: 13 Jockeys hatten unsanften Bodenkontakt. Am schlimmsten traf es den Österreicher Andreas Zehrer, den es unter das zweite In-Out-Element am zweiten Wasser knallte. Der Alpenrepublikaner brach sich bei dem Crash die Nase. Rämmi Dämmi blieb unverletzt. Auch Andrew Hoy stürzte und klagte später über Kopfschmerzen, um die olympische Prüfung ("mein bisher schlechtestes Ergebnis") in der Wertung zu beenden. Getrübt wurde der sonst herrliche Crosstag bei strahlend blauem Himmel und einer leichten Brise bei knapp 30 Grad durch den Sturz von Over and Over des belgischen Teilnehmers Joris Vanspringel: Das Pferd kam am Coffin so unglücklich zu Fall, dass es sich an der Hüfte einen Knochenbruch zuzog. "Gott sei dank hat er überlebt", sagte der Reiter. FEI-Chefveterinär Leo Jeffcott: "Das ist eine ernsthafte Verletzung, aber es ist möglich, sie zu heilen." Diese Version wurde auch über den Sportinformationsdienst verbreitet und von den meisten Zeitungen am Mittwoch gedruckt. Kurz nach dem Cross machte aber in Athen das Gerücht die Runde, Over and Over sei eingeschläfert worden. Am Mittwoch dann meldeten Nachrichtenagenturen, das Pferd sei nach dr Operation aus der Narkose nicht mehr aufgewacht. Erste stereotype Medienkommentare konnten nicht ausbleiben. "Ist der Preis nicht zu hoch: Medaillen für das Leben eines Pferdes?", fragte ZDF-Moderator Michael Steinbrecher. Hinrich Romeike überraschte dann in der Kerner-Talkrunde mit der Nachricht, dass das totgesagte Pferd nach einer erfolgreichen Operation höchst lebendig im Olympia-Stall stehe. Ergebnisse: Hier klicken

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