Buschreiter. de Ð aktuell: Stimmen zum Gelände

Ein Cross der Superlative

VON WOLF-DIETRICH NAHR (TEXT UND FOTOS)

31 Hinderniskomplexe, 45 Sprünge, 6380 Meter LŠnge, 11 Minuten und 12 Sekunden: Das sind die blanken technischen Daten der GelŠndestrecke der Weltreiterspiele 2006 in Aachen, gebaut von Course Designer RŸdiger Schwarz. Das Cross wird seit der Freigabe am Mittwoch in Aachen allenthalben hoch gelobt und als einer Weltmeisterschaft wŸrdig charakterisiert. Superlative fallen immer wieder im GesprŠch. Die Q-Strecke gilt als sehr technisch, die ausgeprŠgtes Springvermšgen verlangt Ð modern, weil Rittigkeit der Pferde abfragend, klassisch, fast ãvery britishÒ.

Gerade die mŠchtigen Hecken-Oxer, die aussehen, als wŠren sie in Badminton oder Burghley fŸr die WM auf dem Kontinent ausgeliehen, stellen fŸr Bundestrainer Hans Melzer einen wichtigen  Sicherheitsaspekt dar: Sie wirken ãachtunggebietendÒ auf die hochtrainierten Vierbeiner. Ansonsten bezeichnet der Coach das GelŠnde im leicht hŸgeligen Soers-Tal gleich hinter dem Stadion-Komplex als ãechten Vier-Sterne- und WM-KursÒ. RŸdiger Schwarz sei es sehr gut gelungen, den Besten der Welt einen echten Championatstest vorzulegen und dennoch den weniger starken Reitern Chance zu lassen, das Ziel zu sehen. Allerdings verschwieg Melzer im buschreiter-GesprŠch auch nicht, dass der Kurs durchaus krŠftezehrend sein wird. Trassierung und LinienfŸhrung erforderten ein rhythmisches Reiten. ãDie Reiteraufgabe stellt sich fast wie beim Autorennen: Es kommt darauf an, die richtige Au§en- oder Innenbahn zu finden.Ò Die Aufteilung von ErholungssprŸngen und technischen Abfragen sei ãklassisch gemachtÒ, lobte der Bundestrainer den Designer. Am Donnnerstag hatte Melzer mit den Reitern noch keine Absprachen darŸber getroffen, ob und wo einzelne Paare die leichteren, aber sehr viel zeitraubenderen Alternativwege wŠhlen werden. Generell folgt die Order wohl dem Prinzip, dass Pferde mit guten Springvermšgen und Rittigkeitsvorteilen eher auf die direkte Route geschickt werden. Beispiel: Hinrich Romeikes Marius. Vierbeiner mit Vorteilen beim Galoppiervermšgen wie Sleep Late kšnnten beispielsweise im Zweifel den Chicken Way wŠhlen, meinte Hans Melzer im buschreiter-Interview. Dieser Taktik folgend sagte Hinrich Romeike am Donnerstag nach der Dressur ganz selbstbewusst: ãIch plane keine Chicken Ways.Ò Was so natŸrlich nicht stimmt und mehr in die Kategorie Selbstsuggestion fŠllt. Als Mannschaftsreiter wird er mit dem Team-Ergebnis im Hinterkopf aus der Startbox gehen. Ansonsten ist sich Hinrich Romeike sicher, dass das Aachener Cross rittigen Pferden Vorteile bietet: ãDas ist nicht so sehr ein Kurs fŸr starke, schnelle Hirsche.Ò Die vielen sehr technischen und schmalen Elemente, die schrŠg anzureitenden Hindernisse werden seiner Meinung nach viel Zeit kosten. ãMan muss drei, vier GaloppsprŸnge vorher dem Pferd die Zeit geben, die Linie zu sehen.Ò Beispiel erstes Wasser: RŸdiger Schwarz zwinge die Reiter dazu, erst auf die Bremse zu gehen. ãDoch fŸr das Boot auf der Insel braucht man Schwung, das ist schwer.Ò Beispiel ãHedges and CornersÒ an Nummer 19: Die Ideallinie vom mŠchtigen Oxer auf die Ecke sei durch ein Blumenbeet durchbrochen. Romeike: ãDas zwingt dazu, die Ecke riskant anzureiten, das lockt dann die Pferde vorbei.Ò Hinrich Romeike ulkte auf seine trockene Art vor Medienvertretern und spielte den schrulligen Herrenreiter mit dem Hang zur Selbstironie: ãMein Pferd ist fŸr jeden Kurs geeignet, aber ich werde BŸgelriemen umschnallen, damit ich oben bleibe.Ò Wie Hinrich Romeike ist Frank Ostholt Ÿberzeugt, dass nicht viele Paare in der Zeit von 11 Minuten und 15 Sekunden bleiben werden. Wer zwei oder drei Mal Alternativen wŠhle, kšnne dies ohnehin nicht schaffen. Ostholt wird als zweiter Mannschaftsreiter auf die Strecke gehen und mŸsse sich schon deshalb an jedem Komplex auf ãPlan B und Plan CÒ einstellen, sagte er am Donnerstag. Einen Heimvorteil  kann der Leiter des DOKR-Ausbildungszentrums in Warendorf bei dem Aachener GelŠnde nicht erkennen. Abgesehen vom Testturnier 2005 sei das Cross an der Soers ja auch fŸr die Deutschen reines Neuland. Ostholt: ãIch sehe nur den Vorteil, dass uns hier so viele Leute regelrecht Ÿber die Hindernisse tragen werden.Ò FŸr Dirk Schrade ist der Kurs schlicht ãein TraumÒ, eine absolute Vier-Sterne-Herausforderung, ein wahres ChampionatsgelŠnde. Bei GesprŠchen mit auslŠndischen Eventern war laut Schrade vorher geargwšhnt worden: Ob die Deutschen wohl ein richtiges GelŠnde bauen kšnnen? ãIch habe hier noch keinen gehšrt, der gesagt hat, das GelŠnde ist zu leicht.Ò Jedenfalls hat sich Schrade vorgenommen, mit Sindy ãalles geradeaus zu gehenÒ. Der Reiter im buschreiter-Interview: ãWenn man sein Pferd an den Hilfen hat und selbst sehr konzentriert reitet, dann ist alles auf dem geraden Weg zu meistern.Ò Dirk Schrade sagt das mit der Gewissheit: ãBei RŸdiger Schwarz kann man sich darauf verlassen, dass die Distanzen passen.Ò Der Warendorfer verweist auf die Streckenpassage nach dem Wasser, von wo aus es etwa eineinhalb Minuten immer leicht bergauf gehe. ãDer konditionelle Faktor wird eine Rolle spielen, mit einem nicht mehr ganz frischen Pferd am Ende wird man sich Ÿber lange Wege Gedanken machen mŸssen.Ò ãPhŠnomenal, begeisternd, absolutes Weltniveau.Ò So umschrieb Andreas Dibowski am Donnerstag nach dem ersten Abgehen seinen Eindruck vom Werk von RŸdiger Schwarz. Dies gelte fŸr die Optik gleicherma§en wie fŸr die BodenverhŠltnisse in der Soers. Dibos Plan A lautet erwartungsgemЧ: ã†berall geradeaus.Ò Mit gut gerittenen Pferden sei es mšglich, jeweils rhythmisch und positiv weiterzureiten. Die Distanzen seien fŸr ihn  ãnachvollziehbarÒ. Als ãungewšhnlichÒ bezeichnete Andreas Dibowski die Anforderung, an den technisch geprŠgten Hinderniskomplexen das Tempo stark herauszunehmen. ãAber das bedeutet auch  Sicherheit durch den Zwang zum kontrollierten Reiten.Ò Peter Thomsen, nicht zum Einsatz kommender Reservereiter, ist sich sicher: ãDer Weltmeister wird im GelŠnde ermittelt.Ò Nicht allein das Dressur- und Springergebnis werde bei der Suche nach den Medaillengewinnern den Ausschlag geben. Dass das Cross damit der Kern der Vielseitigkeit bleibe, sei sehr positiv: ãWir kšnnen nicht nur BaumstŠmme in den Weg legen.Ò Thomsen sagte eine Quote von 30 bis 40 Prozent Pferde voraus, die mit Hindernisfehlern ins Ziel kommen werden. Das Cross trage die typische Handschrift von RŸdiger Schwarz, sei ãextrem technischÒ, aber einladend ohne gefŠhrliche Fu§angeln. ãGefordert wird Rittigkeit und Spurtreue, die Pferde mŸssen auf der Linie bleiben.Ò Der fŸr Kroatien startende …sterreicher Pepo Puch (in Punchestown, Athen und Badminton erfolgreich am Start) war ebenfalls voll des Lobes: ãEin gro§es Kompliment an RŸdiger Schwarz: Die Strecke ist zwar wahnsinnig schwer, aber irrsinnig positiv, sehr spannend, wahrlich ein Championatskurs.Ò Der DOKR-Ausschussvorsitzende Michael Spethmann freute sich ebenfalls Ÿber einen guten, herausfordernden Kurs, der den Pferden Springvermšgen und Kraft abverlangen werde. Eine Mannschafts- und eine Einzelmedaille fŸr deutsche Eventer hŠlt er fŸr mšglich. Spethmann im buschreiter-Interview:  ãWir kommen nicht hierher, um dabeigewesen zu sein, wir wollen Medaillen, deswegen sind wir hier Ð nicht um das Streichergebnis zu sein. Mit diesen Reitern und Pferden ist alles mšglich.Ò

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